Wer ist der beste Tennisspieler aller Zeiten? Eine Frage, die keinen sauberen Sieger hat
Ein Bekannter von mir wettet jedes Jahr zu Weihnachten mit seinem Bruder um eine Kiste Bier, wer denn nun der beste Tennisspieler aller Zeiten ist. Sie streiten seit über zehn Jahren. Die Kiste hat noch nie den Besitzer gewechselt, weil sie sich nie einigen. Und ehrlich gesagt: Ich glaube, sie werden es nie.
Denn die Frage nach dem besten Tennisspieler aller Zeiten klingt nur nach einer einfachen Antwort. In Wahrheit ist sie ein Vergleich zwischen Menschen, die auf völlig unterschiedlichen Planeten gespielt haben. Andere Schläger, andere Bälle, andere Beläge, anderes Geld, andere Gegner. Wer das ignoriert und nur Titel zählt, kommt zu einem Ergebnis. Ob das Ergebnis stimmt, ist eine andere Sache.
Wichtige Erkenntnisse
- Novak Đoković hält die meisten Grand-Slam-Titel im Herreneinzel und die längste Zeit an der Weltranglistenspitze.
- Serena Williams gehört im Damentennis in dieselbe Diskussion, wird aber bei Herren-Vergleichen fast immer ausgeklammert.
- Der Begriff „Grand Slam" für die vier großen Turniere existiert erst seit den 1930er-Jahren. Titel davor zu zählen ist ein Vergleich, der eigentlich nicht funktioniert.
- Die Profi-Ära begann erst Ende der 1960er. Vorher durften viele der Besten gar nicht bei den großen Turnieren starten.
- Eine einzige Zahl als Argument ist immer eine Abkürzung. Meistens eine schlechte.
Nach welchen Kriterien vergleicht man überhaupt?
Bevor man diskutiert, wer der Größte ist, muss man sich einig sein, was man misst. Genau das passiert selten. Ich habe mir irgendwann angewöhnt, in solchen Gesprächen zuerst nach den Kriterien zu fragen. Das killt die hitzigsten Debatten sofort.
Die gängigen Maßstäbe
- Grand-Slam-Titel: die härteste Währung, weil über zwei Wochen Best-of-Five gespielt wird. Ein schlechter Tag reicht nicht.
- Wochen als Nummer 1: misst Konstanz über Jahre statt Momentaufnahmen.
- Direkte Duelle: klingt objektiv, ist es aber nur bedingt, weil sich Karrieren unterschiedlich überlappen.
- Vielfalt über Beläge: Rasen, Sand, Hartplatz. Wer nur auf einem Untergrund dominierte, hat es im Vergleich schwerer.
- Und ein Faktor, den kaum jemand sauber einrechnet: die Tiefe des Feldes. Gegen wen musste man eigentlich gewinnen?
Der letzte Punkt wird sträflich unterschätzt. In den 1970ern und 1980ern war die Tour kleiner, die medizinische Betreuung schlechter und die Reisen brutaler. Heute spielt eine Handvoll Profis fast das ganze Jahr gegen ein Feld, das von Platz 1 bis Platz 100 technisch nahezu ebenbürtig ist. Ist es schwerer, heute zwanzig Grand Slams zu holen? Oder leichter, weil die Spitze so viel besser trainiert ist? Ich weiß es nicht. Und ich traue niemandem, der so tut, als wüsste er es.
Die größten Namen im Herrentennis
Fangen wir mit dem an, was die meisten suchen, wenn sie nach den besten Tennisspielern aller Zeiten bei den Männern googeln. Und mit einer unbequemen Wahrheit vorweg: Die drei Namen, die in fast jedem Ranking ganz oben stehen, haben sich gegenseitig die Karrieren zerkratzt. Sie hätten in getrennten Jahrzehnten deutlich mehr Titel geholt.
Federer, Nadal, Đoković
Novak Đoković führt mit 24 Grand-Slam-Titeln die Herren-Statistik an, dazu hält er den Rekord bei den Wochen auf Platz 1. Roger Federer prägte über zwei Jahrzehnte einen Stil, den ich immer noch als den elegantesten empfinde, den ich je gesehen habe, und gewann auf allen Belägen. Rafael Nadal gewann auf Sand so oft die French Open, dass die Zahlen irgendwann absurd wirkten.
Wer von den dreien der Beste ist, hängt komplett davon ab, was Sie in Ihre Waagschale legen. Zählen Sie Titel, steht Đoković ganz vorne. Zählen Sie Ästhetik und Einfluss auf das Spiel, werden viele Federer nennen. Zählen Sie Dominanz auf einem einzigen Untergrund in einem Maß, das vorher undenkbar war, kommen Sie an Nadal nicht vorbei.
Meine persönliche Meinung, und dafür würde ich streiten: Wer die härteste Bilanz vorweisen kann, entscheidet die Frage rein sportlich. Nach dieser Logik führt Đoković. Aber „rein sportlich" ist eine Krücke. Denn ein Sport lebt auch davon, was er den Leuten gegeben hat. Und da hat Federer mehr bewegt.
Die Ära vor den dreien
Rod Laver gewann zweimal alle vier Grand-Slam-Turniere in einem Kalenderjahr. Einmal als Amateur, einmal nach der Öffnung für Profis. Wer das einordnen will, muss wissen: In Lavers besten Jahren war er als Profi von den großen Turnieren ausgeschlossen. Der Mann hat Titel nicht verloren, er durfte sie gar nicht erst spielen.
Björn Borg holte in einer vergleichsweise kurzen Karriere elf Grand-Slam-Titel und trat mit Anfang zwanzig ab. Pete Sampras dominierte die 1990er mit 14 Titeln, als das noch ein Rekord war, an den man kaum glaubte. Jimmy Connors spielte bis fast vierzig auf höchstem Niveau, was körperlich bis heute schwer zu fassen ist.
Warum die Frauen in dieser Debatte zu kurz kommen
Das ist mein größter Kritikpunkt an fast jeder Liste, die ich zu diesem Thema finde. Man sucht nach dem besten Tennisspieler aller Zeiten und bekommt eine Aufzählung von Männern. Als hätte es das Damentennis nie gegeben.
Serena Williams gewann 23 Grand-Slam-Titel im Einzel, dazu eine Handvoll im Doppel mit ihrer Schwester. Sie dominierte über zwei Jahrzehnte, gegen mehrere Spielergenerationen, und kam dabei aus einem Umfeld, das ihr den Weg nicht geebnet hat. Ihren Namen in derselben Atemzug zu nennen wie Đoković, Federer oder Nadal ist keine Höflichkeitsgeste. Es ist nach den Zahlen gerechtfertigt.
Court, Graf, Navrátilová
Margaret Court hält mit 24 Einzel-Titeln die Bestmarke im Damentennis. Steffi Graf ist bis heute die einzige Spielerin, die alle vier Grand-Slam-Turniere und Olympiagold im selben Kalenderjahr gewann. Martina Navrátilová war über vier Jahrzehnte erfolgreich, was in einem Sport mit dieser körperlichen Belastung schlicht beispiellos ist.
Wer also den besten Tennisspieler aller Zeiten sucht, sollte sich entscheiden, ob er wirklich nur das Herreneinzel meint. Wenn nicht, ändert sich die Antwort.
Das Problem beim Vergleich der Epochen
Und dann ist da noch der Punkt, über den die meisten Diskussionen stolpern, ohne es zu merken.
Der „Grand Slam" ist eine Erfindung des 20. Jahrhunderts
Die vier großen Turniere gibt es in ihrer heutigen Form seit den 1920ern und 1930ern. Der Begriff „Grand Slam" für alle vier zusammen wurde erst in dieser Zeit geprägt. Titel, die davor gewonnen wurden, in dieselbe Statistik zu zählen, ist ein Vergleich zwischen Dingen, die damals noch gar nicht als Einheit gedacht waren. Klingt nach Haarspalterei. Ist es aber nicht, wenn Sie ernsthaft vergleichen wollen.
Die Profi-Ära begann erst Ende der 1960er
Vorher durften Profispieler nicht bei den großen Turnieren starten. Das heißt: Die vermutlich besten Spieler einer ganzen Generation fehlen in jeder Grand-Slam-Statistik, die vor 1968 beginnt. Wer das nicht weiß, zählt bei älteren Spielern eine Zahl, die mit modernen Zahlen nicht vergleichbar ist.
| Ära | Zugang zu Grand-Slam-Turnieren | Was das für Vergleiche bedeutet |
|---|---|---|
| Vor 1930er | Turniere bestanden, „Grand Slam" als Konzept noch nicht | Titelzahlen kaum vergleichbar |
| 1930er bis 1968 | Nur Amateure zugelassen | Beste Profis fehlen komplett |
| Seit 1968 (Open Era) | Profis und Amateure starten gemeinsam | Erst ab hier halbwegs saubere Statistiken |
| Seit ca. 2000 | Profis, ganzjähriger Tourbetrieb, tiefes Feld | Härteste Konkurrenz, aber auch beste Bedingungen |
Und der beste deutsche Tennisspieler?
Diese Frage bekomme ich überraschend oft gestellt, und die Antwort ist hier tatsächlich klarer als in der Weltdebatte.
Steffi Graf ist die erfolgreichste deutsche Tennisspielerin und steht in jeder seriösen Liste ganz weit oben, wenn es um die Größten des Sports geht. 22 Grand-Slam-Titel im Einzel, dazu der Golden Slam. Bei den Männern ist Boris Becker der Name, der zuerst fällt: sechs Grand-Slam-Titel, dazu der jüngste Wimbledon-Sieger der Geschichte. Michael Stich gewann Wimbledon und Olympia, was in Deutschland oft vergessen wird.
Wenn Sie also jemanden suchen, der das deutsche Tennis über alle Geschlechter hinweg am stärksten geprägt hat, kommen Sie an Steffi Graf kaum vorbei. Das sage ich nicht, um die Debatte zu entschärfen. Es ist einfach die Bilanz.
Wer ist aktuell der beste Tennisspieler?
Hier wird die Sache rutschig, und ich bin vorsichtig mit Aussagen in beide Richtungen. Die Spitze im Herrentennis ist seit dem Karriereende der großen Drei in Bewegung. Carlos Alcaraz und Jannik Sinner haben sich an der Spitze festgesetzt und teilen sich die großen Titel der letzten Saisons. Auf der Damentour ist Iga Świątek seit Jahren die Konstante, gegen die sich alle anderen messen müssen.
Ich habe mir angewöhnt, bei „aktuell" immer dazuzusagen, worüber ich rede. Beste Weltranglistenposition? Beste Form der letzten Monate? Größte Titelchance auf einem bestimmten Belag? Das sind drei verschiedene Antworten.
Mein Rat an alle, die diese Diskussion führen: Fragen Sie zuerst nach den Kriterien. Die Antwort folgt dann von selbst. Und wenn jemand mit einer einzigen Zahl um sich wirft und die Debatte für beendet erklärt, wissen Sie sofort, dass er sich mit den Details nicht beschäftigt hat.
Die Kiste Bier zwischen meinem Bekannten und seinem Bruder wird jedenfalls weiter unangetastet bleiben. Nicht, weil keiner von beiden recht hat. Sondern weil sie beide recht haben könnten, je nachdem, was sie zählen.