Nova Scotia Duck Tolling Retriever: Der kleine Rotschopf, den alle unterschätzen
Wenn ich Besitzer eines Tollen – so nennen wir sie liebevoll – nach den ersten Monaten frage, bekomme ich fast immer denselben Blick. Diesen Misch aus Verzückung und leichter Panik. Denn dieser Hund sieht aus wie ein freundlicher, kompakter Retriever. Und dann steht man da im Park, der Hund flitzt in Achterbahnen um einen Baum, springt dabei fast senkrecht in die Luft, und man fragt sich: Habe ich mir da einen Border Collie in Retriever-Verkleidung angelacht?
Genau das ist der Punkt.
Der Nova Scotia Duck Tolling Retriever ist kein Anfängerhund. Er ist auch kein Hund für Menschen, die einen ruhigen Begleiter fürs Sofa suchen. Aber für die richtigen Menschen ist er die beste Entscheidung ihres Lebens. Ich habe selbst drei Jahre mit einem dieser Rotschöpfe verbracht – und in der Zeit mehr über Geduld gelernt als in jedem Seminar.
Wichtige Erkenntnisse
- Der Toller ist der kleinste Retriever, aber mit dem größten Arbeitswillen – seine „Tolling"-Technik ist einzigartig unter den Jagdhunden.
- Er braucht täglich deutlich mehr Bewegung und geistige Auslastung, als die meisten Familien erwarten – sonst wird er zum Möbel-Umgestalter.
- Die Anschaffung ist nur der Anfang: Zwischen 2000 und 3000 Euro für den Welpen, plus laufende Kosten, die man realistisch kalkulieren sollte.
- Gesundheit ist kein Zufall: Hüftdysplasie, erbliche Augenkrankheiten und ein besonderes Kollaps-Syndrom sind die Themen, die seriöse Züchter ernst nehmen.
- Mit der richtigen Beschäftigung – Apportieren, Dummy-Training, Nasenarbeit – wird er zum vielseitigsten Familienhund, den ich kenne.
Herkunft und Geschichte: Ein Hund aus der kanadischen Kälte
Die Rasse stammt – wie der Name schon verrät – aus der kanadischen Provinz Nova Scotia. Im 19. Jahrhundert kreuzten Jäger dort vermutlich verschiedene Retriever mit Collies, Settern und Spaniels. Das Ziel? Ein Hund, der Enten ans Ufer lockt, indem er am Wasser entlangtollt und spielt.
Die genaue Rassenmischung ist nicht dokumentiert, das ist Spekulation. Aber das Prinzip dahinter ist genial und bis heute das Markenzeichen der Rasse.
Was bedeutet „Tolling" eigentlich?
Das Verb „to toll" stammt aus dem Mittelenglischen und bedeutet so viel wie „anlocken" oder „verführen". Der Hund spielt also am Ufer, springt, wedelt mit der Rute – und die Neugier der Enten wird geweckt. Die Vögel schwimmen näher, um zu schauen. Und dann kommt der Jäger mit seiner Flinte ins Spiel.
Ich habe selbst nie gejagt, aber dieses Verhalten sieht man bei den Hunden auch im Alltag. Mein Toller hat stundenlang am Bach gespielt, mit Stöcken, mit Blättern, mit allem, was sich bewegte. Wenn Sie einmal einen Toller am Wasser beobachten, sehen Sie, wie diese „Spielerei" eigentlich ein hochkonzentrierter Arbeitsmodus ist.
Der Standard: Klein, aber oho
Der Toller ist der kleinste unter den Retrievern. Laut FCI-Standard Nummer 312, Gruppe 8, Sektion 1, liegt die Widerristhöhe bei Rüden zwischen 48 und 51 Zentimetern, bei Hündinnen zwischen 45 und 48 Zentimetern. Das Gewicht: etwa 20 bis 23 Kilogramm bei Rüden und 17 bis 20 bei Hündinnen.
Damit ist er kompakt, muskulös und wendig – kein Wunder bei einem Hund, der stundenlang im eiskalten Wasser arbeiten soll. Sein doppeltes Fell schützt ihn vor Kälte und Nässe. Die typische Farbe ist ein warmes Rot in verschiedenen Nuancen, oft mit weißen Abzeichen an Pfoten, Brust und Rute.
Wichtig zu wissen: Es gibt keinen einzigen offiziellen Standard, der einen „Mini-Toller" oder eine „Tolling Retriever Mischung" anerkennt. Wenn Ihnen jemand einen anbietet, seien Sie skeptisch.
Temperament: Mehr als nur ein hübscher roter Hund
Hier kommt der Teil, den viele unterschätzen. Der Toller ist intelligent – und das auf eine Art, die fordernd ist. Er wurde gezüchtet, um selbstständig Entscheidungen zu treffen und dabei mit dem Menschen zu kooperieren. Das macht ihn:
- Lernfreudig, aber eigenwillig: Er arbeitet gerne, aber wenn er etwas langweilig findet, macht er es trotzdem – nach seiner eigenen Choreografie.
- Hoch aktiv: Ein Spaziergang von 20 Minuten reicht nicht. Nicht ansatzweise.
- Treu und menschenbezogen: Er will Teil der Familie sein, nicht im Zwinger leben. Einsamkeit kann er nicht gut ab – dann wird er kreativ auf eine destruktive Art.
- Stimmlich aktiv: Der Toller ist bekannt für seine durchdringende Stimme. Er meldet sich. Oft. Das ist kein Fehler der Erziehung, sondern Teil seines Wesens.
Eine kleine Anekdote aus meiner eigenen Zeit mit Toller „Bram": Der Hund schaffte es, eine verschlossene Kühlschranktür zu öffnen, während ich unter der Dusche war. Als ich herauskam, saß er stolz in der Küche, umgeben von einer halben Salami in kleinen, „ordentlichen" Stücken. Nicht gefressen – nur säuberlich portioniert. Das war seine Art zu sagen: „Du warst zu lang weg."
Ist der Toller ein Familienhund?
Ja – für Familien, die aktiv sind. Mit Kindern versteht er sich in der Regel gut, aber er ist kein geduldiger Teddybär für Kleinkinder. Er ist ein Arbeitshund mit hoher Reizschwelle, und ein Kind, das an ihm zerrt, kann durchaus ein Knurren ernten.
Die bessere Frage lautet: Passt er zu Ihrem Alltag?
Das ist ein Hund für Menschen, die draußen sind. Joggen, Radfahren, Wandern, Schwimmen, Apportieren ohne Ende. Wenn Sie das mögen, werden Sie mit einem Toller glücklich. Wenn Sie lieber gemütlich auf dem Sofa liegen – dann wählen Sie eine entspanntere Rasse.
Bewegung und Beschäftigung: Die tägliche Portion Arbeit
Die ehrliche Antwort: Der Toller braucht deutlich mehr als eine Stunde Bewegung pro Tag. Ich würde sagen, mindestens 90 Minuten aktive Zeit, aufgeteilt in mehrere Einheiten – und zusätzlich geistige Aufgaben.
Reine Gassi-Runden zählen nicht als Auslastung. Das ist ein Hund, der denken will. Und wenn er nicht denken darf, denkt er sich eben selbst etwas aus – wie mein Bram mit der Salami.
Was ich empfehle:- Dummy-Training: Apportieren mit verschiedenen Gegenständen – das ist die ureigene Arbeit der Rasse und macht ihnen sichtlich Freude.
- Nasenarbeit: Auch ein Toller hat eine gute Nase, auch wenn er nicht so bekannt dafür ist wie ein Bloodhound. Verstecken Sie Leckerlis oder Spielzeuge.
- Agility und Dog Dancing: Das geht oft überraschend gut, weil er schnell und wendig ist.
- Schwimmen: Wenn das Wasser nicht zu kalt ist, ist er ein begeisterter Schwimmer.
Und das Kollaps-Problem? Dazu gleich mehr unter Gesundheit – aber seien Sie beim Intensivtraining vorsichtig mit Überanstrengung.
Gesundheitsvorsorge beim Toller: Worauf Sie achten müssen
Keine Rasse ist perfekt, und der Toller hat einige spezifische Probleme, die man kennen sollte, bevor man kauft.
Hüft- und Ellenbogendysplasie
Wie bei vielen mittelgroßen bis großen Rassen kommt Hüftdysplasie vor. Seriöse Züchter lassen ihre Zuchttiere röntgen und nur mit guten Ergebnissen züchten. Fragen Sie immer nach den HD- und ED-Befunden der Elterntiere.
Erbliche Augenkrankheiten
Progressive Retinaatrophie (PRA) und Katarakte kommen in der Rasse vor. Ein verantwortungsvoller Züchter lässt die Augen seiner Hunde regelmäßig untersuchen – in Europa ist hierfür das ECVO-Verfahren üblich.
Exercise Induced Collapse (EIC)
Das ist eine ernste Sache, und sie betrifft den Toller sehr wohl: Durch intensiven, aufregenden Einsatz (z. B. jagen, schwimmen, wildes Apportieren) kann der Hund kollabieren. Ein Gentest existiert – wählen Sie einen Züchter, der auf EIC testet und besprechen Sie das offen.
Lebenserwartung
Bei guter Pflege und genetischer Basis erreichen Toller oft ein Alter von 12 bis 13 Jahren. Manche werden älter. Das hängt von vielen Faktoren ab, aber eine gute Zucht und ein gesundes Gewicht sind die beste Basis.
Die Kostenfrage – ein ehrliches WortEin Welpe von einem seriösen Züchter in Deutschland oder im europäischen Ausland kostet aktuell zwischen 2000 und 3000 Euro. Wenn jemand Welpen für 900 Euro anbietet, ist Vorsicht geboten – oft stecken dahinter fehlende Gesundheitsuntersuchungen oder keinerlei Welpenabgabe-Checkliste.
Danach kommen die laufenden Kosten. Ich habe einmal eine Beispielrechnung für einen mittelgroßen Hund aufgestellt, und sie gilt auch für den Toller:
| Posten | Monatliche Kosten (ca.) |
|---|---|
| Futter (hochwertig, getreidefrei) | 70–110 € |
| Tierarzt (Vorsorge, Impfungen, Entwurmung, anteilig) | 20–40 € |
| Hundehaftpflicht und Krankenversicherung | 20–70 € |
| Ausrüstung, Kurse, Beschäftigung | 30–60 € |
| Summe | 140–280 € |
Dazu kommen die einmaligen Anschaffungen: Transportbox, Näpfe, Leinen, Halsband, erste Ausstattung – das sind noch einmal 300–500 Euro.
Die passende Zucht finden: So erkennen Sie einen guten Züchter
Die Suche nach dem richtigen Welpen ist der wichtigste Schritt überhaupt. Lassen Sie sich nicht von süßen Fotos verführen, sondern stellen Sie Fragen:
- Welche Gesundheitsuntersuchungen haben die Elterntiere? (HD, ED, Augen, EIC-Gentest)
- Wie sieht die Zuchtstätte aus? Ein seriöser Züchter zeigt Ihnen das Zuhause der Mutterhündin.
- Kann ich die Mutter und, wenn möglich, den Vater sehen?
- Welche Erfahrung hat der Züchter mit der Rasse?
- Wie läuft die Welpenabgabe ab? (Mit Papieren, Chip, Impfungen, Aufzuchtbericht?)
Ein guter Züchter ist nicht der, der Ihnen den Welpen sofort verkaufen will. Im Gegenteil: Er wird Ihnen klare Fragen stellen, ob Sie wirklich zum Toller passen. Das ist ein gutes Zeichen.
Die Rasse ist in Deutschland über den VDH und den Rasseclub organisiert. Nutzen Sie deren Züchterlisten – auch wenn das nicht automatisch Qualität garantiert, so ist es doch ein Anfang. Seriöse Züchter stehen mit ihren Hunden auf Ausstellungen, arbeiten mit ihren Hunden sportlich und sind offen für Fragen.
Training: Konsequenz statt Härte, Struktur statt Starre
Der Toller reagiert sehr empfindlich auf Ruppigkeit oder lautes „Härte-Training". Das braucht er nicht – er will mitarbeiten, aber er will verstehen, warum. Konsequenz ist wichtig, ja, aber bitte auf eine freundliche, klare Art.
Meine wichtigste Lektion aus drei Jahren mit Bram: Kurze, abwechslungsreiche Trainingseinheiten schlagen lange, monotone Übungsstunden. Fünf Minuten Apportieren, dann drei Minuten Nasenspiel, dann ein paar Tricks – und nach zehn Minuten Schluss. Der Hund bleibt motiviert, und Sie behalten die Geduld.
Und noch etwas: Der Toller ist kein „Abruf-aus-dem-Auge-Hund" für Anfänger. Bevor Sie ihn von der Leine lassen, üben Sie den Rückruf intensiv – am besten mit Schleppleine. Der Jagdtrieb ist bei vielen Hunden stark, und wenn etwas Flatterndes hüpft, ist er schneller weg, als Sie „Komm!" sagen.
Für wen sich der Toller lohnt – und für wen nicht
Ich mache es konkret, weil diese Rasse zu den am häufigsten falsch gekauften Hunden gehört:
Geeignet:- Aktive Einzelpersonen oder Paare, die täglich 2+ Stunden draußen sind
- Familien mit schulpflichtigen Kindern (ab ca. 8 Jahren), die mitarbeiten können
- Menschen mit Interesse an Hundesport (Dummy, Agility, Obedience)
- Jäger, die einen Wasser- und Apportierhund mit Locktalent suchen
- Menschen, die nur 30 Minuten Zeit pro Tag haben
- Senioren mit eingeschränkter Mobilität
- Menschen, die einen ruhigen Begleiter suchen – dafür gibt es den Golden Retriever
- Familien mit sehr kleinen Kindern, die keine Zeit für Training haben
- Hundeanfänger, die nicht bereit sind, sich intensiv mit der Rasse auseinanderzusetzen
Wenn Sie sich nach dem Lesen dieses Artikels unsicher fühlen: Das ist gut. Besser unsicher zu sein und zu überlegen, als einen Welpen zu nehmen und nach drei Monaten zu merken, dass man überfordert ist. Es gibt genügend Toller in Tierheimen und Auffangstationen, die von Menschen abgegeben wurden, die diesen Rat nicht ernst genommen haben.
Mein Fazit zum Toller
Der Nova Scotia Duck Tolling Retriever ist wundervoll – wenn man weiß, worauf man sich einlässt. Er ist nicht der einfachste Hund, aber für die Richtigen ist er ein Partner, der einen durch seine Intelligenz und seinen Charme immer wieder überrascht. Kein Hund, der nur dasitzt und wartet. Ein Hund, der mitdenkt, mitplant und mitarbeitet – manchmal mehr, als einem lieb ist.
Ich würde niemals behaupten, dass ein Toller die beste Wahl für jeden ist. Aber für jemanden, der Bewegung, Hundesport und einen treuen Begleiter mit Ecken und Kanten schätzt: Ich kann mir kaum eine bessere Wahl vorstellen.
Die Frage ist nicht, ob der Toller ein guter Hund ist. Die Frage ist, ob Sie der richtige Mensch für ihn sind.