Rebirthing: Was wirklich hinter der Atemtechnik steckt
Eine Klientin hat mir mal erzählt, sie habe nach ihrer ersten Rebirthing-Sitzung zwei Stunden lang geweint. Nicht aus Trauer. Eher so, als hätte jemand ein Ventil geöffnet, das sie jahrelang zugedreht hatte. Danach habe sie geschlafen wie ein Stein. Klingt schön, oder?
Zwei Wochen später saß sie in meinem Büro und erzählte von Schwindel, Herzrasen, einem Kribbeln in den Händen, das nicht aufhören wollte. Rebirthing ist keine Wellness-Übung. Es ist eine Technik, die bewusst den Zustand der Hyperventilation herbeiführt oder zumindest in Kauf nimmt. Wer das nicht weiß, wundert sich über die Nebenwirkungen.
Ich beschäftige mich seit einigen Jahren mit Atemarbeit, habe selbst Sitzungen gemacht, an Workshops teilgenommen und viel mit Leuten gesprochen, die Rebirthing als Therapieform verkaufen. Einiges davon halte ich für sinnvoll. Manches für gefährlich. Und ein großer Teil der deutschen Ratgeber-Seiten erzählt Ihnen schlicht nicht, was in so einer Sitzung tatsächlich passiert.
Wichtige Erkenntnisse
- Rebirthing ist eine Technik des zirkulären Atmens – Ein- und Ausatmen ohne Pausen, begründet von Leonard Orr in den 1960er Jahren.
- Die Atmung kann zur Hyperventilation führen, teilweise wird das sogar angestrebt.
- Es gibt keine einheitliche Ausbildung und keine staatlich anerkannte Bezeichnung für Rebirthing-Therapeuten.
- Psychologen bezweifeln, dass sich das eigene Geburtserlebnis durch diese Atmung tatsächlich ins Bewusstsein holen lässt.
- Die 4-7-8-Methode ist kein Rebirthing – sie wird oft in einen Topf geworfen, funktioniert aber völlig anders.
Was ist Rebirthing-Therapie?
Rebirthing heißt übersetzt „Wiedergebären“ beziehungsweise „wieder geboren werden“. Der Kern ist eine besondere Form des zirkulären Atmens: Ein- und Ausatmen ohne Pausen dazwischen. Kein Halten. Kein natürlicher Übergang. Der Atem läuft wie ein Rad weiter.
Begründer dieser Atemtechnik war in den 1960er Jahren Leonard Orr, der sie durch Selbstversuche entwickelte und als Methode zur Atem- und Bewusstseinsschulung verstand. Anhänger bezeichnen Rebirthing als Selbsterfahrungstechnik, die mehr „inneren Raum“ ermöglichen soll. Dieser innere Raum entsteht laut den Vertretern dann, wenn Gewohnheiten bewusst nachempfunden und losgelassen werden. Atemmuster gehören zu diesen Gewohnheiten.
Rebirthing-Atemarbeit: der Mechanismus dahinter
Wenn Sie eine Zeit lang ohne Pausen atmen, verändert sich Ihr Kohlendioxidgehalt im Blut. Das ist keine Esoterik, das ist Physiologie. Der CO₂-Spiegel sinkt, die Gefäße verengen sich, Sie werden schwindelig, die Hände kribbeln, manchmal verkrampfen sie sich. Die Anhänger nennen das „Energie“, „Loslassen“ oder „Zugang zum Unbewussten“.
Und dann? Häufig wird Rebirthing dem Namen entsprechend praktiziert, um durch diese Form des Atmens das eigene Geburtserlebnis ins Bewusstsein zu holen. Es ist umstritten, ob das überhaupt möglich ist. Etliche Psychologen bezweifeln, dass während eines Rebirthings tatsächlich die eigene Geburt erlebt wird. Was Sie in diesen Zuständen sehen oder fühlen, ist real für Sie – nur ist die Frage, ob es die Erinnerung an Ihre Geburt ist oder eine Konstruktion Ihres Gehirns im Ausnahmezustand.
Ich habe beide Erfahrungen gemacht. In einer Sitzung kam ein Bild von Enge, Dunkelheit, Druck. Hat sich überwältigend angefühlt. Ob das meine Geburt war? Ich weiß es nicht. Ich habe aufgehört, diese Frage zu beantworten zu versuchen, weil sie mich in eine Endlosschleife geführt hat.
Was ist Rebirthing-Atemarbeit?
Hier fängt die Verwirrung an, und die will ich auflösen, weil die meisten Seiten sie stehen lassen.
Rebirthing im ursprünglichen Sinn ist ein spiritualisiertes Konzept. Es kommt aus der kalifornischen New-Age-Szene der Siebziger, hat ein Weltbild eingebaut: Geburtstrauma, pränatale Erinnerungen, die Idee, dass Sie als Baby einen bestimmten Atempunkt nicht genommen haben, der Sie bis heute blockiert.
Rebirthing Breathwork ist der säkularisierte Ableger. Meistens nennt man es heute Conscious Connected Breathing oder einfach Breathwork. Aus der spirituellen Erzählung wird eine therapeutische: Stress abbauen, Emotionen freisetzen, Klarheit gewinnen. Kein Geburtstrauma nötig.
Das Ding ist: In der Praxis vermischen sich beide ständig. Ein Coach, der „Rebirthing & Breathwork“ auf sein Schild schreibt, macht oft genau dasselbe, verkauft es aber zwei verschiedenen Zielgruppen.
Wie läuft so eine Sitzung konkret ab?
Ich beschreibe, was ich in Deutschland erlebt habe – und betone: Es gibt keine einheitliche Ausbildung für Rebirthing-Therapeuten und keine staatlich anerkannte Bezeichnung. Das heißt, was hier steht, ist typisch, aber nicht verbindlich.
- Vorgespräch, meist 15 bis 30 Minuten. Gute Leute fragen dabei nach Asthma, Epilepsie, Schwangerschaft, Herzproblemen, psychiatrischen Diagnosen, dissoziativen Störungen. Wenn Ihr Coach das nicht fragt – gehen Sie.
- Sie liegen auf dem Rücken. Decke drüber, weil die Körpertemperatur absackt.
- Die Atmung wird aufgebaut: kein Pause zwischen Ein und Aus. Erst ruhiger, dann schneller.
- Dauer der aktiven Atemphase: irgendwo zwischen 30 und 90 Minuten. Das ist kein Wohlfühlprogramm. Nach 20 Minuten wird es körperlich anstrengend.
- Der Coach begleitet verbal, berührt manchmal die Schultern oder den Bauch, fordert zu lautem Ausatmen auf.
- Auflösung. Ruhige Atmung, Decke, Wasser, manchmal schweigende Anwesenheit. Diese Phase ist wichtiger, als viele glauben.
Anzahl der Sitzungen: Manche schwören auf zehn, andere machen eine einzige und nennen es einen Durchbruch. Meine ehrliche Meinung nach mehreren Jahren Beobachtung: Wer nach drei Sitzungen keinen Nutzen spürt, wird ihn nach der zwanzigsten meist auch nicht finden. Und ich kenne Leute, die haben vierstellig bezahlt und bei einem Coach gelandet, der selbst keine Ahnung von Atemphysiologie hatte.
Was Sie vorher prüfen sollten
- Gibt es echte Kontraindikationen-Fragen im Vorgespräch? Ja oder nein.
- Wird über Hyperventilation gesprochen, bevor es losgeht?
- Wie viele Teilnehmer pro Coach? Einzelarbeit ist bei intensiver Atmung kein Luxus.
- Wird ein Nachgespräch angeboten oder werden Sie einfach rausgelassen?
Was ist Rebirthing bei Babys?
Bei Babys ist die Sache eine andere. Hier geht es nicht um Rebirthing im Atem-Sinne, sondern – wenn wir ehrlich sind – um das Kind, das den Atem nachholt, der ihm während der Geburt gefehlt hat. Das Konzept heißt: recapturing the birth pause. Die Geburtspause zurückholen.
Ich bin bei diesem Thema vorsichtig. Es gibt Praktizierende, die mit Säuglingen arbeiten und von tiefen Entspannungsreaktionen berichten. Es gibt aber auch eine ganz unangenehme Grauzone: Menschen ohne pädiatrische Ausbildung, die mit Neugeborenen Atemübungen machen. Ein Neugeborenes kann Ihnen nicht sagen, was es fühlt. Es kann nicht widersprechen.
Ich habe eine Mutter kennengelernt, deren Kind nach einer Sitzung ruhiger schlief. Ob es die Sitzung war oder das Alter, weiß niemand. Wenn überhaupt, gehört ein Baby in die Hände von Kinderärzten und erfahrenen Therapeuten, nicht in eine Atem-Session mit jemandem, der „Rebirthing Praxis“ auf Google gefunden hat. Und übrigens: Wer ehrlich ist, gibt zu, dass es keine belastbare Datenlage für diese spezielle Anwendung gibt.
Was ist die 4-7-8-Methode?
Die 4-7-8-Methode ist ein völlig anderes Atemmuster: 4 Sekunden einatmen, 7 Sekunden halten, 8 Sekunden ausatmen. Das ist das Gegenteil von Rebirthing.
Rebirthing = keine Pausen, kein Halten, rhythmisch durchgehend. 4-7-8 = bewusste Pausen, langes Halten, langsame Frequenz. Ersteres regt an bis zur Hyperventilation, letzteres beruhigt das Nervensystem. Warum die beiden so oft in denselben Artikeln landen, ist mir schleierhaft. Vielleicht, weil beide „Atemarbeit“ heißen.
| Technik | Muster | Ziel | Risiko |
|---|---|---|---|
| Rebirthing | Zirkulär, ohne Pausen | Bewusstseinsveränderung, Emotionen freisetzen | Hyperventilation, Schwindel, Krämpfe |
| Rebirthing Breathwork | Meist zirkulär, säkularisiert | Stressabbau, Klarheit | Geringer, je nach Tempo |
| 4-7-8-Methode | 4 ein, 7 halten, 8 aus | Beruhigung, Einschlafen | Sehr gering |
| Box Breathing | 4-4-4-4 | Fokus, Kontrolle | Kaum |
Wenn Sie also das nächste Mal auf einer Seite lesen, die 4-7-8-Methode sei eine „Rebirthing-Variante“ – nein. Ist sie nicht.
Rebirthing Erfahrungen: was ich nach Jahren denke
Hand aufs Herz. Ich halte die Grundidee für nicht falsch. Bewusst atmen, alte Muster anschauen, den Körper einbeziehen – das kann etwas lösen. Ich habe gesehen, wie Menschen nach einer Sitzung Dinge ausgesprochen haben, die sie jahrelang in der Schublade hatten.
Aber ich habe auch gesehen, wie jemand nach einer langen Sitzung mit einsetzender Tetanie – also den Krämpfen durch die Calciumverschiebung bei Hyperventilation – auf dem Boden lag und der Coach sagte, das sei „die Energie, die endlich fließen darf“. Das war kein Durchbruch. Das war ein Kreislaufproblem.
Wer sollte definitiv die Finger davon lassen?
- Menschen mit Epilepsie
- Menschen mit Herzrhythmusstörungen
- Schwangerschaft
- Unbehandelte Panikstörung – eine Hyperventilation kann einen Panikanfall auslösen, nicht lösen
- Dissoziative Störungen, ohne therapeutische Begleitung
- Jemand, der ein Trauma aufarbeiten will und nicht weiß, wo er danach hingeht, wenn es aufbricht
Und ja, ich zähle mich selbst dazu bei einigen Punkten. Nach einer besonders intensiven Einzelsitzung war ich zwei Tage lang unruhig und leicht reizbar. Mein Fehler war, danach sofort wieder in einen vollen Alltag zu springen. Rebirthing braucht einen Nachlauf. Wer nach der Sitzung direkt zum nächsten Termin fährt, hat die Wirkung halbiert und das Risiko verdoppelt.
Rebirthing-Therapeuten finden: worauf ich achten würde
„Rebirthing in der Nähe“ zu googeln bringt Ihnen eine Liste von Praktizierenden, die sich in drei Kategorien teilen.
Die erste: seriöse Atemtherapeuten, die Rebirthing als eine von mehreren Methoden einsetzen, medizinische Vorgeschichte abfragen und ein sicheres Setting haben. Zweite Kategorie: Esoterik-Coaches mit großer Reichweite und dünner Ausbildung. Dritte: Leute, die eigentlich Atem-Yoga unter neuem Namen verkaufen.
Ich würde immer nach einer konkreten, nachprüfbaren Ausbildung fragen. Aber hier ist das Problem, das ich schon erwähnt habe: Es gibt keine staatlich geregelte Ausbildung. Ein Zertifikat eines privaten Verbandes sagt Ihnen nicht viel über die medizinische Kompetenz der Person. Wenn mein Gegenüber mir nach zwei Minuten Presse- und Reklame-liste statt konkreter Antworten zeigt, bin ich raus.
Rebirthing Breathwork Ausbildungen gibt es – einige dauern ein Wochenende, andere ein Jahr. In den kurzen lernt man Technik, in den langen manchmal auch ihre Grenzen. Wenn Sie ernsthaft in diese Richtung arbeiten wollen, ist die lange Variante die einzige, mit der ich mich wohlfühlen könnte.
Was bleibt
Rebirthing ist eine echte, körperlich wirksame Technik. Das bestreite ich nicht. Sie kann Zugang zu Gefühlen schaffen, die im Alltag keinen Platz haben. Sie kann aber auch schlicht Hyperventilation erzeugen – und wer das nicht einordnen kann, hält Symptome für spirituelle Durchbrüche.
Vielleicht ist die ehrlichste Frage nicht: „Was kann Rebirthing für mich tun?“ Sondern: „Bin ich bereit, hinterher damit zu leben, was hochkommt?“ Denn genau dort, in der Stunde nach der Sitzung, wenn der Coach weg ist und Sie wieder allein mit sich sind, zeigt sich, ob die Arbeit trägt.
Manche tragen sie. Manche gehen zu schnell zurück ins Büro. Und manche machen sie überhaupt nicht mehr. Alle drei Wege sind in Ordnung.